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Mein Körper gehört mir - Rolle der Eltern in der Prävention von Missbrauch im Sport

Kein Jahr vergeht, ohne dass neue Fälle von körperlichem, seelischem oder gar sexuellem Missbrauch an Kindern und Jugendlichen im Sport publik werden. Die Vorfälle um den amerikanischen Sportarzt Larry Nassar, der als Arzt des amerikanischen Turnverbandes hunderte Mädchen und junge Frauen missbrauchte und Anfang Dezember 2021 zu 175 Jahre Haft verurteilt wurde[1], sind erschütternd. Erschütternd vor allem darum, weil jahrelang viele weggeschaut haben. Als Ende Oktober 2020 in der Schweiz als Magglingen-Protokolle[2] bekannt gewordene Enthüllungsberichte von acht Schweizer Kunstturnerinnen und Rhythmischen Gymnastinnen über systematische Erniedrigungen und Ernüchterungen in diesen Sportarten an die Öffentlichkeit drangen, ging ein Aufschrei durch die Schweizer Sportwelt. Wie konnte dies in der Schweiz über Jahre geschehen, ohne dass jemand einschritt? Nur zwei Monate später wurden in der Schweiz weitere Vorfälle publik. So berichteten zwei ehemalige Synchronschwimmerinnen und eine Elite-Eiskunstläuferin über Schmerzen, verbale Übergriffe von Trainerinnen und ihr Abgleiten in eine schwere Magersucht[3].

Bei den meisten dieser Berichte bleibt aber die Rolle der Eltern unklar. Hatten diese von den Missständen Kenntnis? Schwiegen die Eltern aus Angst vor möglicher Benachteiligung ihrer Kinder als Konsequenz ihres Einschreitens? Haben die Eltern vielleicht sogar sehenden Auges weggeschaut?


Die Sporteltern übernehmen in der Missbrauchsprävention im Sport auf jeden Fall eine sehr zentrale Rolle. Ein Nichteinschreiten bei Missständen ist unentschuldbar. Die Eltern sollten mit wachsamen Auge und offenem Ohr ihren Sportkindern zuhören. Wer ein offenes Verhältnis zu seinem Kind, egal in welcher Altersstufe, pflegt und in jeder Situation bereit ist, geduldig zuzuhören, wird verbale oder auch nonverbale Warnsignale des Kindes frühzeitig erkennen. Psychische oder physische Gewalt, Blossstellen in der Gruppe oder Mobbing, körperliche Berührungen, die dem Kind unangenehm erscheinen, sind Handlungen die inakzeptabel sind, insbesondere wenn sie durch eine Trainerperson oder auch durch ein anderes Teammitglied erfolgen. Dies muss dem Kind von Beginn seiner sportlichen Laufbahn weg vermittelt werden: Dein Körper gehört dir und niemandem sonst! Die Sporteltern sind angehalten, dem Kind Wohlwollen zu signalisieren, dass es nicht nur über Erfolg oder Misserfolg im Sport erzählen darf, sondern auch über Dinge, die es neben den Resultaten beschäftigt. Dies muss seitens des Kindes immer ohne Angst vor negativen Konsequenzen geschehen können. Betreffend körperlicher und psychischer Integrität existiert im Sport, wie auch im normalen Leben keine Grauzone. Es gibt Dinge, die gehen und andere die gehen einfach nicht und nirgends. Der private Raum eines jeden Individuums muss immer gewährleistet bleiben. So haben Trainerpersonen und Betreuer*Innen weder in der Garderobe, der Dusche noch in Schlafräumen etwas zu suchen. Körperliche Berührungen, zum Beispiel mit medizinischem Hintergrund, wie Massagen, Physiotherapien oder sportmedizinische Untersuchungen, dürfen bei Minderjährigen zwingend nur in Anwesenheit eines Elternteils oder einer sonstigen erwachsenen Bezugsperson erfolgen. Wer als Elternteil Verdacht schöpft, dass seinem oder einem anderen Kind Unrecht geschieht, ist moralisch verpflichtet, genauer hinzuschauen und nachzufragen, Missstände anzusprechen.


Wir Sporteltern sind so nahe an dem Geschehen dran, wer sonst, wenn nicht wir, sind besser in der Lage die Kinder und Jugendlichen vor Missbrauch zu schützen?



[1] Pfister, Isabelle: Missbrauchsskandal um die amerikanischen Turnerinnen: Die Opfer des ehemaligen Teamarztes Larry Nassar werden entschädigt. In: Neue Zürcher Zeitung. 14. Dezember 2021 https://www.nzz.ch/sport/ende-des-missbrauchsskandals-die-opfer-des-ehemaligen-amerikanischen-teamarztes-larry-nassar-werden-entschaedigt-ld.1660151?reduced=true [2] Christof Gertsch, Mikael Krogerus: Die Magglingen-Protokolle. Im Kunstturnen und in der Rhythmischen Gymnastik gehören Einschüchterungen und Erniedrigungen zum Alltag. Acht Frauen erzählen. In: Das Magazin. 31. Oktober 2020 https://www.tagesanzeiger.ch/wie-turnerinnen-in-magglingen-gebrochen-werden-170525604713 [3] Bräuer Sebastian: Unter Wasser sieht man die Tränen nicht – Neue Missbrauchsvorwürfe im Schweizer Sport. In: NZZ am Sonntag. 12. Dezember 2020 https://nzzas.nzz.ch/sport/missbrauchsfaelle-im-schweizer-sport-neue-verwerfungen-ld.1591796?reduced=true


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